Erfahrungsbericht von Verena Schätzle

Nach 2 ½ Tagen in Neisse, die ich persönlich mit Chillen am See, dem Wandern auf einem Streckenabschnitt des Jakobsweges und dem Austausch mit neuen und vor allem auch alten Bekannten, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte und mit denen sich nun endlich einmal wieder die Gelegenheit für das ein oder andere Gespräch bot, verbracht hatte, folgte nun die Weiterfahrt zu unserer Gastgemeinde für die Tage der Begegnung. Auf der ca. 1 ½ stündigen Fahrt wurde meine große Vorfreude auf die Gastfamilien dann jedoch von einem mulmigen Gefühl der Aufregung überschattet.

Mir als bekennender Vegetarierin war schon vor meiner Abfahrt zum WJT mehrfach gesagt worden, dass die fleischliebenden Polen wohl nicht allzu große Freude mit meinen Essgewohnheiten haben würden. Und ich, die ich den Gastgebern nicht noch mehr Mühe machen wollte, als diese sowieso schon durch die Anreise einer solch großen Pilgertruppe hatten, überlegte auf der Fahrt schon ununterbrochen, wie ich meine Ernährungsweise meiner Gastfamilie schonend (und das auch noch auf Polnisch!!!) beibringen sollte und hoffte inständig, dass sie das Wort „Vegetarier“ schon einmal gehört hatten. Zusammen mit Sophie Hertel, einem anderen Mädchen, bekam ich dann die Gastfamilie mit der Nummer 14 zugeteilt. 14 - eigentlich meine Glückszahl. Doch bei der Ankunft an der Dorfkirche, an der schon alle engagierten Dorfbewohner auf das Eintreffen unseres Busses warteten, erblickte ich dann auch als erstes meinen Gastvater, der einen kleinen weißen Zettel mit der Nummer 14 hochhielt: Einen ca. 1,90 m großen, kräftig gebauten Mann, mit breiten Schultern und einer Glatze, der nun nicht gerade so aussah, als hätte er schon einmal etwas von vegetarischer Ernährung gehört. Vor lauter Schicksalsironie musste ich lachen und weinen zugleich! Ich beschloss mein Problem nicht lange hinterm Berg zu halten, sondern direkt beim ersten Stück Kuchen (es sollten in den kommenden Tagen noch so einige folgen…) damit rauszurücken. Und - oh Wunder - , als ich leise drucksend in einem Nebensatz anmerkte, dass ich weder Fleisch noch Fisch zu mir nehme, meinte Bomba, so lautete der überaus passende Spitzname unseres Gastvaters, dass ihnen das schon längst klar wäre und sie sich auch schon darauf eingestellt hätten und nur heilfroh waren, dass ich keine Veganerin sei. In diesem Moment fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen und ich konnte ganz entspannt in die Woche mit Sophie, der Gastfamilie und ihrem hyperaktivem Hund Kumpel auf ihrem von der Kirche 4 km entfernten Aussiedlerhof starten.

Die nächste Überraschung war nämlich, dass Bomba 19 Jahre lang in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte, sodass er nahezu perfekt Deutsch sprach, was uns die Kommunikation zwischen ihm, seiner Frau Margot (Goshia) und ihrem Sohn Anton (Antonek) wesentlich erleichterte und dazu führte, dass wir noch an so manch ausgedehnten Abenden bei einem Bierchen in ihrem Garten verweilten und somit einiges über die polnische Kultur und die Lebensweise der Menschen in diesem Gebiet, welches zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges deutschsprachig gewesen war, erfahren durften. Aber nicht nur die Zeit in den Gastfamilien selbst war besonders bereichernd, sondern auch die Zeit, die wir alle zusammen mit den Organisatoren und den Ordensschwestern vor Ort verbrachten. Mit solch einer Liebe und Einsatzbereitschaft hatten sie ein intensives Programm aufgestellt, dass nicht nur abwechslungsreich, sondern auch total passend zum Motto des WJTs „Selig die Barmherzigen!“ war. So verbrachten wir beispielsweise einen Tag damit, Plätzchen zu backen und zu verzieren und diese im Anschluss an die kranken und alten Menschen im Dorf zu verteilen. Diese freuten sich über die mitgebrachte Kleinigkeit und das Singen der WJT Hymne oftmals so sehr, dass sie anfingen zu weinen, uns alle auf eine Tasse Kaffee einluden oder aber uns eine riesige Tüte Süßigkeiten zurück schenkten.

Der sogenannte „Tag der Barmherzigkeit“ erwärmte durch das Strahlen in den Augen der Besuchten, ihr Lächeln und die damit verbundene Dankbarkeit, die sie uns entgegenbrachten, mein Herz schon sehr, doch noch berührter war ich vom „Tag der Gemeinde“, der am 23. Juli stattfand. Am Morgen dieses Tages pilgerten wir zunächst zum Sankt Annaberg, einem bekannten Wallfahrtsort, wo wir gemeinsam mit bereits 6.000 Jugendlichen aus verschiedenen Ländern dieser Erde eine Messe an der Lourdes-Grotte feiern durften. Hier stimmten nicht nur das sonnige Wetter und die Musik, sondern auch die Stimmung, die unter anderem von Libanesen mit Pfeifen und Gesängen verbreitet wurde, uns fröhlich. Am Nachmittag fand dann mein persönliches Highlight des gesamten WJTs statt. Nach einer gemeinsamen Fahnenprozession, bei der wir Jugendlichen den Worten Papst Franziskus folgend, durch Gesang und Tanz „Wirbel auf den Straßen“ Oppelns gemacht hatten, trafen wir alle auf einem großen Feld ein, um dort zu fetzigen neuen geistlichen Liedern, wie auf einem Pop Festival, abzugehen. Gerade als wir versuchten, die Choreographie zu „Abba Ojcze“ zu lernen, wurde eine meiner Freundinnen, mit der ich im vergangenen Sommer eine Pilgerreise nach Israel und Palästina unternommen hatte, von fünf Jugendlichen angetippt, die genau ein Jahr zuvor, am 23. Juli 2015, mit uns gemeinsam ins Heilige Land aufgebrochen waren und die wir seitdem nicht mehr gesehen hatten. Ohne uns zu verabreden, hatten sie uns ganz spontan auf diesem Feld, auf dem noch 6.000 andere Jugendliche unterwegs waren, gefunden. Kann man da noch von Zufall sprechen?, dachte ich mir in diesem Moment. Und mir wurde klar, dass hier Gott seine Hand im Spiel gehabt haben muss. Die Gegenwart Gottes wurde mir dann auch zu späterer Stunde noch einmal bewusst, als wir alle gemeinsam das Allerheiligste verehrten. Die Stimmung, die ja zu Beginn des Festivals total ausgelassen war, war nun in eine tief andächtige umgeschlagen. Ich bekam richtig Gänsehaut, als die Monstranz durch den Mittelgang nach vorne auf die Bühne getragen wurde, alle Teilnehmer auf die Knie gingen und schließlich mucksmäuschenstill wurden. Noch nie hatte ich so viele andächtige Jugendliche gesehen, die sich alle aus demselben Grund versammelt hatten, nämlich um ihren Glauben an Gott und Jesus Christus zu feiern.

Ein Bild, das mir hier zuhause nicht alle Tage begegnet und das mich dafür in seiner Intensität umso mehr für den Alltag hier in meiner Heimatpfarrei in Pluwig gestärkt hat. Komplett beflügelt von der Spiritualität am Vorabend verbrachten wir dann noch den letzten Tag in unseren Gastfamilien, der von diesen individuell gestaltet werden konnte und der mit einem erneuten großen Grillen im Klostergarten der Ordensschwestern endete. An diesem Abend wurde selbstverständlich nicht nur gegessen, auch wenn das Essen eine große Zeitspanne unseres gesamten Polenaufenthaltes in Anspruch nahm, sondern auch gesungen und getanzt. Man konnte die Freundschaft, die sich zwischen unseren beiden Gemeinden entwickelt hatte und die sich durch die herzlichen Umarmungen, die Abschiedsküsschen und die gefühlten 1000 vergossenen Tränen ausdrückte, förmlich spüren. Auch Sophie und ich hatten das Herz unseres Bombas erweichen können, sodass sogar seine Augen – wie er stets zu sagen pflegte – zu „schwitzen“ anfingen und er uns einlud, noch eine Woche länger zu bleiben, um mit ihnen gemeinsam in Urlaub zu fahren. Leider konnten wir dieses großzügige Angebot nicht annehmen ohne die Woche mit dem Papst in Krakau zu verpassen und so hoffen wir, dass die drei im kommenden Jahr unserer Einladung nach Trier folgen werden, um hier ein großes Wiedersehen zu feiern.

Schon an dieser Stelle möchte ich sagen, dass ich wirklich froh bin, dass ich mich für das lange Modul mit der Zeit in den Gastfamilien entschieden habe, denn diese Erfahrung war das, was den WJT für mich unvergesslich gemacht hat. Menschen, die weniger besitzen als wir und trotzdem so selbstlos alles geben, damit wir uns rundum wohlfühlen, sind diejenigen, die so massiv zum Gelingen dieses WJTs beigetragen haben und bei denen meiner Meinung nach das Motto „Barmherzigkeit“ auf jeden Fall Wirklichkeit geworden ist.

Zur dritten und damit letzten Etappe des WJTs, der eigentlichen Weltjugendtagswoche mit dem Papst in Krakau, sind wir dann am Montag, dem 25. Juli angereist. Auch hier wohnten wir wieder in einer ländlichen Pfarrei mit dem Namen Lipnik in Gastfamilien, die wir aufgrund unseres gefüllten Tagesprogrammes und den 1 ½ stündigen Anfahrtswegen bis nach Krakau Stadt noch weniger zu sehen bekamen als unsere ersten Gastfamilien. Dennoch wurde auch hier die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit mindestens genauso spürbar wie in der Woche zuvor.

Anders als bei den Tagen der Begegnung stand nun nicht mehr das Kennenlernen der polnischen Kultur, sondern das Feiern des Glaubens im Mittelpunkt. Und das wurde hier reichlich erfahrbar. Täglich stand hier am Morgen eine deutschsprachige Katechese zu verschiedenen Facetten der Barmherzigkeit an, von denen eine von unserem Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann gehalten wurde, und am frühen Abend traf man sich dann mit allen Pilgern aus der ganzen Welt auf der Blonia Wiese zu den verschiedensten Großveranstaltungen mit dem Papst. Auch wenn ich mir die Katechesen, an die sich immer eine Heilige Messe anschloss, wodurch diese gute 3 ½ Stunden dauerten, zunächst etwas trocken vorgestellt hatte, so lieferten sie mir bei genauerem Zuhören doch einen spannenden Input, den ich auch jetzt noch auf meinen Alltag übertragen kann. Auch die Worte von Papst Franziskus, die er bei der Öffnungsmesse äußerte und die uns aufmuntern sollten, keine „Couchjugendlichen“ zu sein, sondern unser Leben aktiv anzupacken, motivierten mich und lieferten mir einige Hilfestellungen für mein Leben im Glauben und auch allgemein.

Da dieser Erfahrungsbericht ja möglichst authentisch sein soll und ich dementsprechend ehrlich meine Erlebnisse und Eindrücke zu schildern versuche, möchte ich an dieser Stelle aber zugeben, dass mich die Großveranstaltungen zwar zunächst aufgrund der Masse der teilnehmenden Menschen schon beeindruckt haben, aber mir dennoch nachdrücklich nicht so sehr in Erinnerung geblieben sind/ bleiben, wie die kleinen Begegnungen, die ich mit den unterschiedlichsten Pilgern in der Innenstadt Krakaus hatte. Neben dem Button- und Bändchen-Tauschen mit den verschiedensten Nationen blieb darüber hinaus auch noch Zeit, um sich mit alten Freunden zu treffen. So möchte ich als ein weiteres Highlight das gemeinsame Musizieren auf dem Hauptmarkt Krakaus mit einer Band aus unserem Dorf nennen, das viele andere Pilger zum Mitsingen animierte und auch so manches Kamerateam anlockte. Die kurzen Dialoge, die vielen internationalen Selfies und das vorurteilsfreie Aufeinanderzugehen waren weitere Punkte, die mich am WJT begeistert haben.

Was ist es bitte für eine tolle Vorstellung, wenn sich die Jugend der Welt in einer Stärke von fast 2 Millionen an einem Ort versammelt, um FRIEDLICH ohne jegliche Ausschreitung gemeinsam Spaß am Glauben und am Leben zu haben? Brücken werden geschlagen, Freundschaften geknüpft, Ängste und Grenzen überwunden. Eine Bewegung, die gerade zur jetzigen Zeit und politischen Situation meiner Meinung nach unglaublich wichtig und vorbildhaft ist. Eine riesige friedliche Begegnung also, die am letzten Wochenende im Juli bei bestem Wetter ihren gebührenden Höhepunkt auf dem Campus Misericoridae fand. Auch wenn wir in einem Sektor seitlich der Bühne und des Altars untergebracht waren, so konnten wir die Vigil- und die Aussendungsfeier doch auch über eine Leinwand sehr gut nachverfolgen. Mein persönliches Highlight auf dem Abschlussgelände war nicht etwa die Übernachtung unter freiem Himmel, sondern das fast ebenso spontane Wiedersehen mit einem alten Freund, der nun für ein Jahr in Ecuador einen Freiwilligendienst geleistet und sich von dort aus auf direktem Wege nach Krakau begeben hatte. Alles in allem war der WJT für mich somit ein ganz besonderes Erlebnis, aus dem ich nicht nur Kraft für mich und meinen Glauben schöpfen konnte, sondern das in mir auch Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft in Politik und Gesellschaft geweckt hat. Insofern kann ich den Weltjugendtag nicht nur als Glaubensevent, sondern auch als interkulturelles Zusammentreffen vieler Jugendlicher allen empfehlen, die zwar interessiert am Glauben sind, sich jedoch nicht (bzw. noch nicht) stark genug mit ihm verankert fühlen. Auch für euch kann dieses Erlebnis genau das Richtige sein und deswegen freue ich mich schon jetzt ganz besonders, euch alle 2019 zu sehen, wenn es heißt: „LET’S GO PANAMA!!“. Denn ich bin wieder dabei!! J

Verena Schätzle aus Pluwig (19)

P.S.: Mir fiel es nicht ganz so leicht, euch einen umfassenden Überblick über meine Erlebnisse am WJT zu liefern, denn dieser war so facettenreich und teilweise auch so tiefbeeindruckend, dass ich lange nicht alle Erfahrungen hier in diesen wenigen Sätzen wiedergeben kann. Aus diesem Grund lege ich euch allen noch einmal viel mehr ans Herz, diese Glaubensreise einmal selbst mitzuerleben, um zu wissen, was es heißt, sagen zu können: „DAS IST WELTJUGENDTAG!!!“


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